Isoldes Liebestod, Siegfrieds Trauermusik, Brünnhildes Erlösungsopfer - schaurig-schöner und gewaltiger geht´s nimmer. Was Chefdirigent Victor Pablo Pérez und sein OST Orchesta Sinfonica de Tenerife den Klassik-Freaks im sicher ausverkauften Auditorio zum Saisonabschluss bieten, ist für Wagner-Fans nicht zu überbieten. Voraussetzung, eine echte „Wagner-Heroine“ ist dabei, eine Sängerin von stählernem Glanz und Strahlen in der Stimme. Auch das ist den Programmachern des Auditorio gelungen: Mit Nadine Secunde wurde ein Sängerin von Weltklasse verpflichtet. Zur Abrundung wird ein Jugendwerk Wagners, die C-Dur-Sinfonie gegeben.
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| Galerie | © Moisés Pérez |
| Mit dem Konzert geht die Saison zuende. |
06.06.2006 - Teneriffa - Heiliger Abend 1882 in Venedig. Richard Wagner wusste, er war zum Sterben in die verfallende Stadt gekommen. Heute aber galt es, zu Ehren seiner geliebten Cosima eine Jubiläums-Weihnachts-Geburtstags-Feier der besonderen Art zu begehen: Die Aufführung seiner C-Dur-Sinfonie im herrlichen, hell erleuchteten Teatro La Fenice – vor 15 Ehrengästen. Fünf anstrengende Proben mit Herzattacken hatte Wagner abgehalten, um seiner Frau dieses kostbare Geschenk zum 45. Geburtstag zu machen. Zum letzten Mal hielt er nun den Taktstock in Händen. Cosima, 25 Jahre jünger als er, war gerührt. Dass ihr Vater, Franz Liszt, und ihr Ex-Ehemann, der Dirigent Hans von Bülow, den sie Wagners wegen verlassen hatte, dieses Jugendwerk belächelten, focht sie nicht an. Mit unfreiwilligem Humor verglich sie den damals zwanzigjährigen Komponisten mit Siegfried: „Das hat einer gemacht, der das Fürchten nicht kennt“. Wagner selbst zeigte Vergnügen an seinem rührenden Jugendwerk.
Fünfzig Jahre auch harten Ringens um Anerkennung lagen seither hinter ihm. Mit seiner Doppelbegabung als Dichter-Komponist, mit unbeirrbar ehrgeizigem Streben und fanatischer Willenskraft hatte er die Grenzen der Musik gesprengt. Deren Welt war durch ihn eine andere geworden. Mit seinen Musikdramen revolutionierte er die Oper traditioneller Art. Seine Leitmotivtechnik und die äußerste Ausreizung orchestraler Klangfarben erschlossen der Musik nun ungeahnte Extreme.
Extreme Widersprüchlichkeit kennzeichnete auch Wagners Charakter. Gerade Bewunderer von Rang waren es, die das erkannten und teilweise recht drastisch formulierten: Für Thomas Mann beispiels-weise ist Richard Wagner „mein Meister, der Mächtigste, wahrscheinlich das größte Talent aller Kunstgeschichte, – aber auch dieser schnupfende Gnom mit dem Bombentalent und dem schäbigen Charakter“. Wagner starb am 13. Februar 1883 in Venedig und wurde in Bayreuth beigesetzt.
Nicht nur äußerlich durch den Bau des Bayreuther Festspielhauses hatte er sein Ziel erreicht. Seine Musikdramen sind zeitlos gültig und werden Bestand haben bis ans Ende unserer Kultur. Zehn Jahre wartet heute ein Musikfreund in der Regel, um Karten für Bayreuth zu ergattern. Nadine Secunde, Sängersolistin dieses Konzerts, ist da natürlich priveligiert. Die amerikanische Sopranistin gab 1987 ihr Bayreuther Debüt als „Elsa“ in der legendären Lohengrin-Inszenierung von Werner Herzog. Im Jahr darauf feierte sie dort einen großen Erfolg als „Sieglinde“ in der Harry Kupfer-Produktion der „Walküre“, dirigiert von Daniel Barenboim. Seither reißen sich die Opernhäuser auf der ganzen Welt um sie, besonders wenn es um die großen Wagner- und Richard Strauss-Partien geht.
Isoldes Liebestod: „Mild und leise wie er lächelt“ beginnt Isolde ihren Schlussgesang über Tristans Leichnam „und gewahrt im Sterben die seligste Erfüllung des glühenden Sehnens, ewige Vereinigung in ungemessenen Räumen, ohne Schranken, unzertrennbar!...“ schrieb Richard Wagner selbst dazu. Solche Worte der Romantik allein mögen uns Heutige nicht mehr rühren. Aber der sinnliche Rausch dieser Musik, die Darstellung feinster seelischer Emotionen im Rahmen der groß und einfach gesehenen irischen Fabel von Tristan und Isolde, sind unwiderstehlich. Die Kraft, die sich hier äußert, hat Generationen zu schaffen gemacht. Geistige Extase pur für Genießer heute und immerdar!
Zu Richard Wagner überhaupt: Auf seinen Bühnen bewegen sich meistens Gestalten, die Vergangenes berichten und ihre Reaktion zum Ausdruck bringen über die fast immer jammervolle Lage, in der sie sich entdecken. Sie erzählen, rechten, meditieren oder klagen, aber nur selten handeln sie. Eine entscheidende Bewegung oder ein kleines biss-chen Bühnengeschehen hat bei Wagner schon oftmals die Kraft eines Ereignisses. Dramaturgisch gesehen ein rechter Horror für jeden Theatermann! Wie Wagner die untheatralischen Gedanken- und Gemütsvorgänge seiner Helden jedoch musikalisch in kräftige Dramatik umzusetzen vermag, ist einzig und vermittelt großes Theatererlebnis in der Tradition von Goethes poetischen Monologen. Außer Shakespeare konnten nur wenige Dichter gleich gut äußeres und inneres Drama meistern.
Siegfrieds Trauermusik und Brünnhildes Opferszene (Schlussgesang): Zwei absolute „Highlights“ aus Der Ring der Nibelungen werden hier geboten. Diese Szenen im Schlussakt der Götterdämmerung, dem letzten der vier Ring-Dramen, sind schier überwältigend: Der von Hagen erschlagene Siegfried wird von den Mannen auf den Schild gehoben und unter einer Trauermusik, die zum Triumphgesang auf Siegfrieds Heldenkraft anschwillt, davongetragen. Später betritt Brünnhilde die Halle, wo ihr toter Held aufgebahrt liegt. Siegfried hatte an Brünnhilde Treuebruch begangen. Sie wollte sich rächen und verriet Hagen Siegfrieds einzig verwundbare Stelle auf dem Rücken. Hagen fordert nun von ihr als Mordlohn Siegfrieds Ring zur Weltherrschaft, den sie von des Toten Hand genommen hatte. Wissend geworden durch leidvolle Erfahrung, ist sie bereit, die fluchbeladene Welt zu erlösen. „Starke Scheite schichtet mir dort“ gebietet sie im Schlussgesang und lässt Siegfrieds Leichnam auf den Scheiterhaufen betten. Sie entzündet den Holzstoß und sprengt mit ihrem Ross Grane in die lodernden Flammen. Der Asche entnehmen die Rheintöchter den Ring. Als Hagen sich ihnen raubgierig entgegenwirft, ziehen sie ihn in die Tiefe hinab. Im Hintergrund erglüht in den Feuerbränden die Götterburg Walhall. Als Wagner 1876 nach der Bayreuther Ring-Premiere auf die Bühne kam, tobte das Publikum.
Victor Pablo Pérez und seine Musiker des OST haben im Auditorio wieder eine große Saison geboten.
Hans Rueda
Beginn des Saison-Abschluss-Konzerts: 20.30 Uhr
Karten € 13 - € 22 Abendkasse.